Alex Bänninger (1982)

Filmpolitische Avantgarde


In die Geschichte des filmbehördlichen Irrtums gehört ein wichtiges Kapitel über Reni Mertens und Walter Marti: ihnen zu Ehren als Filmschaffende und Filmförderer; sie sind beides, keines vom andern zu trennen.

Als es seinerzeit darum gegangen wäre, ihnen für Beginn und Fortführung der Arbeit weitsichtig zu helfen, tat sich die eidgenössische Filmförderung schwer. Vielleicht darum, weil Mertens und Marti nicht bloss und nicht einfach finanzielle Hilfe suchten, sondern ebenso das Bekenntnis zu ihrem Weg. Damals wie heute. Sie verlangen Radikalität: mit der Überzeugung jener, die das Richtige im Gegenteil sehen. Zum Beispiel: Das behinderte Kind war Mitte der sechziger Jahre kein Thema. Sie machten daraus einen ergreifenden und ihren besten Film: Ursula oder das unwerte Leben. Das Werk gab ihnen recht - hinterher. Es war tollkühn, 1968 für Rolf Lyssy »Eugen heisst wohlgeboren« zu produzieren. Sie bekamen recht - Jahre später. Mit »Les apprentis« und Alain Tanner war es nicht anders.

Wer heute wissen will, wie es um den Schweizer Film steht, entschliesst sich mit Gewinn zum Gespräch mit Reni Mertens und Walter Marti. Sie haben sich Klarsicht bewahrt und den Blick fürs Wesentliche. Unerbittlich sind sie im Argumentieren: stets mit Wirkung - und sei es jene des Widerspruchs, des Ärgers, der Ungeduld. Unwirsches und Unangenehmes kommt zurück. Mertens und Marti beherrschen das Streitgespräch, dem Streit nicht abgeneigt. Es gehört zum Schweizer Film natürlich. Sie aber sind darin voraus und darüber, weil sie eine Kultur der Konfrontation besitzen. Ihre Direktheit hat Souveränität und Kompetenz.

Solches erklärt Erfolg und Verdienst: den Filmschaffenden gezeigt zu haben und immer wieder zu zeigen, dass Film nicht politisch voraussetzungslos entsteht; dass es sich aufdrängt, sich mit seinen Bedingungen zu befassen, um sie zu ändern und zu verbessern. Renn Mertens und Walter Marti, auch am Anfang des Verbandes Schweizerischer Filmgestalter, übertragen Brecht auf den Film. Das charakterisiert und qualifiziert ihren Einsatz und ist ihr filmpolitisches Programm.

Sie waren von den ersten, die eines hatten, als der alte Schweizer Film zu Ende kam und der neue sich ankündigte. Nicht die Filmförderung war gegen Mertens und Marti. Sie waren ihr voraus. Das ergibt den doppelten Wunsch, dass es so bleibt, dass die Filmpolitik noch grössere Schritte tut.
   

Alex Bänninger war von 1972-1984 Chef der Sektion Film im Eidgenössischen Departement des Innern, später Leiter von Kultur und Gesellschaft beim Schweizer Fernsehen DRS, seitdem freischaffender Publizist.

Quelle: Reni Mertens, Walter Marti. Dossier Pro Helvetia. Redaktion: Richard Dindo, Arthur Zimmermann
Bern (Zytglogge Verlag), 1983. 109pp mit Abb. (vergriffen). – Text hier publiziert mit freundlicher Erlaubnis des Verfassers.


© 2002 Alex Bänninger

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