Franz Ulrich [aus: cinébulletin 11/2000]

Reni Mertens, 1918-2000

Neun Monate nach dem Tod ihres Weggefährten und Arbeitspartners Walter Marti ist am 26. September 2000 in Zürich Renata Mertens-Bertozzi gestorben.

Renata Bertozzi, am 8. April 1918 als Kind italienischer Emigranten geboren, wuchs zusammen mit der Schwester Adelina in bescheidenen Verhältnissen im Zürcher Kreis 5, einem Arbeiterquartier, auf. Ihr Vater, der als Arbeiter am Simplontunnel krank geworden war, führte beim Zürcher Hauptbahnhof einen Gemüse-Importhandel. Da zu Hause Italienisch gesprochen wurde, konnte Reni bei Schulbeginn kaum Deutsch. Sie hatte einen Integrationsprozeß zu bewältigen, wie ihn Tausende von Gastarbeiterkindern absolvieren mußten.

In ihrer Familie war die Erinnerungen den Herkunftsort Italien und eine starke familiäre Solidarität immer lebendig. Als der Vater 1934 starb, führte seine Frau das Geschäft allein weiter. Reni durfte eine Handelsschule besuchen. Nach Diplom und Matura studierte sie Romanistik in Genf und Zürich und doktorierte mit einer Dissertation über Gabriele d'Annunzio. Sie unterrichtete Französisch (als erste Frau am Lyceum Alpinum, Zuoz), untertitelte Filme, machte Übersetzungen ins Italienische, darunter theoretische Schriften und Theaterstücke von Bertolt Brecht für die erste mehrbändige Werkausgabe (1954) in Italien, Max Frischs Bühnenstück «Santa Cruz», Daniel Defoes «Robinson Crusoe» für die Silva-Bücher u.a. Verheiratet war sie mit dem Linguisten und Journalisten Hans-Walter Mertens. Die Ehe wurde später geschieden. Reni war Mutter zweier Töchter, Marina und Claudia.

Während ihrer Studienzeit in Zürich gründete sie einen Debattierklub «Lundi» (der auch noch so hiess, als er donnerstags stattfand), an dessen Diskussionen sich auch viele Emigranten beteiligten, darunter so berühmte wie Georg Lukács, Emmanuel Mounier, Ignazio Silone, Elio Vittorini sowie Bertolt Brecht während seines Zürcher Aufenthalts 1947/48, dem die Mertens durch die Vermittlung von François Bondy in Feldmeilen eine Wohnung zur Verfügung stellten. Als Brecht nach (Ost-)Berlin zurückkehrte, wollte er Reni Mertens als Dramaturgin mitnehmen.

Weil aber in Berlin damals nach dem Krieg noch Hunger und Mangel an vielem herrschte und sie ein kleines Kind hatte, das sie dem nicht aussetzen wollte, ist sie nicht nach Berlin gegangen, wo ihr Leben gewiß einen ganz anderen Verlauf genommen hätte. In ihrem Klub lernte sie auch Walter Marti kennen, mit dem sie eine enge Partnerschaft einging, die bis zu dessen Tod am 21. Dezember letzten Jahres dauerte.

1953 gründeten Reni Mertens und Walter Marti ihre Firma Teleproduction. Gemeinsam realisierten sie in einer über vier Jahrzehnte dauernden Partnerschaft an die 20 kürzere und längere Dokumentarfilme; zahlreiche Projekte konnten nie verwirklicht werden. Zwischen 1953 und 1962 entstanden die Kurzfilme «Krippenspiel I/II, «Rhythmik», «Im Schatten des Wohlstandes» und «Unsere Kleinsten» - alles Zeugnisse für ihre Überzeugung, daß Kinder, seien sie gesunde oder behindert, taubstumm oder blind, entwicklungsfähig sind. Höhepunkt dieser ersten Schaffensperiode war 1966 der mehrfach mit Preisen ausgezeichnete «Ursula oder das unwerte Leben».

Dieser Film über angeblich bildungsunfähige Kinder, für den das Geld acht Jahre lang zusammengebettelt werden mußte, stellt am Beginn einer Reihe großer Dokumentarfilme anderer Filmemacher/innen über und mit Behinderten und Außenseitern und gehört heute noch zu den wichtigsten und eindrücklichsten Werken des Schweizer Dokumentarfilms. 1973 folgte das formal radikale Experiment «Die Selbstzerstörung des Walter Matthias Diggelmann», das bewegende Dokument eines Schriftstellers, der es weder sich noch der Mitwelt leicht machte. Weitere wichtige Filme waren «Gebet für die Linke» (1974) über den brasilianischen Erzbischof Dom Helder Camara, «Héritage» (1980) über den Aargauer Komponisten und Maler Peter Mieg, «Flamenco vivo – Die Schule des Flamenco» (1985), ein packender Musik- und Tanzfilm, der mit einem Minimum all Kommentar Wurzeln und Wesen des Flamenco in Andalusien) erschließt, und «Pour écrire un mot» (1988), der sich mit einem fundamentalen Problem (nicht nur) afrikanischer Völker befaßt: der Integration der modernen «westlichen» Zivilisation und der damit verbundenen Gefahr der Zerstörung der eigenen kulturellen Identität.

Die Arbeits- und Lebensgemeinschaft von Reni Mertens und Walter Marti war ungewöhnlich eng. Die Kreativität der beiden entstand nicht zuletzt aus der Gegensätzlichkeit ihrer Persönlichkeiten. Reni Mertens in einem Interview: «Wir sind in allem konträr. So daß jeder das macht, was er besser kann. Ich telefoniere zum Beispiel ungern, er sitzt tagelang am Telefon. Er ist unordentlich, und ich mache immer Ordnung hinterher, auch im Gedanklichen.» Ihre Filme haben sie gemeinsam gedacht, geplant, erstritten und zusammen mit teils langjährigen Mitarbeitern – mit der Cutterin Edwige Ochsenbein und den Kameraleuten Ernest Artaria, Hans-Peter Roth, Rob Gnant und Urs Thoenen – realisiert. Der jeweilige Anteil der beiden an ihren Filmen hat sich nie auseinander dividieren lassen. Fundamente dieser Partnerschaft waren Vertrauen, Respekt und Liebe. Darauf ist eine totale gegenseitige Solidarität gewachsen, die durch Krisen und Schwierigkeiten, welche die beiden Filmschaffenden durchzustehen hatten, immer stärker wurde.

Reni Mertens war eine gesellschafts- und filmpolitisch sehr engagierte Filmemacherin. 1962 war sie all der Gründung des Verbandes der Schweizer Filmgestalter und am Aufbau einer unabhängigen Filmproduktion aktiv beteiligt. Es war die Teleproduction, welche die ersten langen Filme von Alain Tanner «Les apprentis», 1968) und Rolf Lyssy («Eugen heißt wohlgeboren», 1968) produzierte. Nie erlahmte ihre Neugier und ihr Interesse an der Arbeit jüngerer Kolleginnen und Kollegen, für deren Anliegen und Probleme sie immer ein offenes Ohr hatte. Besonders nahe standen ihr Beni Müller sowie Erich Langjahr und Silvia Haselbeck in Root/ LU, die nach der letztes Jahr erfolgten Auflösung der Teleproduction den filmischen Nachlaß von Reni Mertens und Walter Marti übernommen haben und für Vorführungen verfügbar halten. Nicht zuletzt wegen ihres Engagements für jüngere Filmschaffende wurde Reni 1997 zur Präsidentin der ersten Jury für den neuen Schweizer Filmpreis berufen. Breitere öffentliche Anerkennung des filmischen Werks von Marti/ Mertens erfolgte – etwas spät mit der Verleihung mehrerer Preise, darunter der Zürcher Filmpreis, der Preis der Doron Stiftung, der Preis der Stiftung Dr. J. E. Brandenberger und der Katholische Medienpreis.

Vorbilder und Freunde spielten im Schaffen von Reni Mertens und Walter Marti eine große Rolle. Ihr ganzes Werk war dem Erziehungs- und Bildungsethos von Heinrich Pestalozzi und den beiden Pädagoginnen Mimi Scheiblauer und Marie Meierhofer verpflichtet. Prägend für ihre Arbeit waren Freundschaften mit bedeutenden Persönlichkeiten wie Brecht, seiner Frau Helene Weigel, der Schauspielerin Therese Giehse, dem Fotografen Helmar Lerski, mit Cesare Zavattini, dem Vater des Neorealismo, dem Journalisten und Schriftsteller Haus Rudolf Hilty und dem Maler Mario Comensoli.

Zu ihrem Vermächtnis geworden ist «Requiem» (1992), ein «musikalisches Filmgedicht ohne Worte», eine filmische Totenliturgie für die 120 Millionen Toten, die Kriege in den letzten 100 Jahren in Europa gefordert haben. Der Film ist eine Reise zu den Soldatenfriedhöfen vom Süden Europas bis in seine Mitte. Er gibt den Millionen Toten eine Stimme, die fragen warum und wozu und für wen und wie lange noch. «Requiem» enthält ein zentrales Motiv der gemeinsamen Arbeit von Reni Mertens und Walter Marti, die immer im Dienste jener stand, die selber nicht zu Wort kommen.

Reni Mertens war eine Pionierin und eine der wichtigsten Vertreterinnen des Schweizer Dokumentarfilms in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sie hat die Ethik ihrer Arbeit einmal so formuliert: «Das Angehen eines Themas erfolgt bei uns immer in der gleichen Art und Weise: im Einverständnis mit den Menschen, die zu dem gehören, was wir zeigen. Der erste Gestus ist Aufmerksamkeit, der zweite der Versuch, die Zusammenhänge zu verstehen. Die dritte ist die Selbstdarstellung der Menschen. Nicht wir sagen, was sie tun sollen, sondern sie zeigen uns im Vertrauen, was sie tun. Ich halte dies für eine spezifisch dokumentarische Haltung: Die Wahrheit muß aus der Sache selbst kommen, darf nicht in sie hinein versetzt werden. Und was auch noch relevant ist: Das Filmemachen ist für uns ein Selbstauftrag. Die Entscheidungen werden nicht von anderen, sondern von uns selbst getroffen.»

Reni Mertens bleibt in Erinnerung als eine starke Frau, eine großzügige, integre Persönlichkeit voller Wachheit und Neugierde gegenüber allen Geschehen in der Welt und in ihrer näheren Umgebung, deren großes Wissen, kultureller Reichtum, Kommunikationsfähigkeit und Herzenswärme die Grundlagen ihrer filmischen Arbeit waren, um Mißstände und Schönheiten des Lebens wahrnehmbar zu machen.

Franz Ulrich [in: cinébulletin 11/2000]

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