Das Erbe der Bergler

Ein Wildheuerfilm

Schweiz 2006. 35mm, 1:1.66, Dolby SR, Farbe, 97 min.

Das Erbe der Bergler Das Erbe der Bergler Das Erbe der Bergler affiche

Im Film »Das Erbe der Bergler« erlebt der Zuschauer die letzten Wildheuer im Muotatal im Kanton Schwyz.

Jedes Jahr am ersten August, dem Schweizerischen Nationalfeiertag, steigen die Wildheuer hinauf in die steilen Planggen des »Hinteren Heubrig«, ausgerüstet mit Sensen, Heugaren und Griff-Holzschuhen, um die Wildheu-Ernte einzubringen, so wie das schon ihre Väter gemacht haben. Sie sind die Söhne einer Generation, die in der Herausforderung und im Einvernehmen mit der Natur lebten und überlebten. Mich interessiert das Wissen des einfachen Lebens, die Grundlage der menschlichen Existenz. Erich Langjahr

RegieErich Langjahr
DrehbuchErich Langjahr
MitwirkendeAlbert Gwerder, Erich Gwerder, Alois Langenegger, Toni Schelbert, Anton Büeler etc.
KameraErich Langjahr
TonSilvia Haselbeck
SchnittErich Langjahr
MusikHans Kennel
Musiker: Hans Kennel (Alphorn, Büchel, Neverlure, Stimme), Marcel Huonder (Alphorn, Büchel), Philip Powell (Alphorn), Marc Unternährer (Alphorn);
Echo vom Schattähalb: Cornel Schelbert (Schwyzerörgeli), Daniel Schmidig (Schwyzerörgeli), Urs Schelbert (Kontrabass)
MitarbeitMischung: Dieter Lengacher
Plakat: Art Ringger und Marion Lastin
Dauer97 min.
Format35mm, 1:1.66, Dolby SR
Drehformat35mm
VerleihversionenDialekt: Dialekt m. UT deutsch/englisch
Verkauf DVD/VideoDVD   [Bestellen]
UraufführungLocarno 2006
FestivalsLOCARNO CH: 59. Festival Internazionale del film Locarno 2.-12.8.06, "Semaine de la critique"
LEIPZIG D: 49. Int. Leipziger Dokumentar-Film-Festival 30.10.-5.11.06
WIEN AT: Viennale, Vienna Int. Film Festival 13.-25. 10.06
SOLOTHURN CH: Solothurner Filmtage Januar 07
SAARBRÜCKEN D: 28. Filmfestival Max Ophüls Preis, 15.-21. Januar 2007
TRENTO IT: 55. Trento Filmfestival 28.4. - 6.5.07 im Wettbewerb
WROCŁAW PL: Era New Horizons Int. Film Festival, 19.-29 Juli 2007
FREISTADT AT: 20. Festival Der neue Heimatfilm, 22.-26.8.07
PÄRNU EST: XXI Pärnu International Film Festival, 8.-29. Juli 2007
FREISTADT AT: 20. Festival Der neue Heimatfilm, 22.-26.8.07
BANSKO BG: VII Int. Mountain Film Festival 29.November-2.12.2007)
WÜRZBURG DE: Internationales Filmwochenende Würzburg 24.- 27.1.08
Paris F: Musée d'Orsay, 12. Januar 2008
BOZEN I:Bozner Filmtage, 16.-20. April 2008
AOSTA I: Desarpa Film Festival 25.-27.9.08
RADSTADT AT: 7. Filmfestival 5. - 8. November 08
INNSBRUCK AT, 7. Innsbrucker Naturfilmtage 15.-18. Oktober 08
BAD AIBLING (DE) Nonfiktionale, Festival des dokumentarischen Films,, 24. - 27. September 09
Peking China Documentary Film Festival 1.-7. Mai 10
Auszeichnungen/PreiseNomination für den Schweizer Filmpreis 2007 (bester Dokumentarfilm)
KinosSchweiz: über 63'000 Eintritte
TV-AusstrahlungenTSR; TSI; SF 1; 3sat.
ProduktionLangjahr-Film GmbH, Luegstrasse 13, CH-6037 Root
Tel. +41-41-450 22 52 – Fax +41-41-450 22 51
E-mail: info@langjahr-film.chMitteilung sendenwww.langjahr-film.ch
WeltrechteLangjahr-Film GmbH
Verleih Schweiz
und international
Langjahr-Film GmbH, Luegstrasse 13, CH-6037 Root
Tel. +41-41-450 22 52 – Fax +41-41-450 22 51
E-mail: info@langjahr-film.chMitteilung sendenwww.langjahr-film.ch
ISAN0000-0001-64C1-0000-G-0000-0000-Q
Suisa-Nr.1005.818

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Pressestimmen

Zitate

Im Urvertrauen auf visuelle Momente und akustische Miniaturen entwickelt "Das Erbe der Bergler" einen beeindruckenden, schier liturgischen Sog. Und aus diesem Sog eine ganz eigene Spannung, die dem Beobachten entspringt, dem Fremden und doch Vertrauten, dem Erinnern und einer Nüchternheit, die innehalten lässt.

Andreas Körner, Sächsische Zeitung

... Einblick in eine Welt tief verwurzelter Menschen, die ihren Platz kennen. Hingebungsvoll und schweigsam.

Susanne Stern, Der Tagesspiegel, 22.11.07

Mit wunderbarem Gefühl für Timing, nie zu ausführlich und doch stets so lange, dass man sich ein Bild von der realen Dauer machen kann, zeigt Langjahr nicht zuletzt die Härte dieser heute nur noch freiwillig geleisteten Arbeit, die keine Sentimentalität zulässt.

Barbara Schweizerhof ( Die Welt und Berliner Morgenpost)

So wird "Das Erbe der Bergler" zu einer lyrischen Meditation. Zu einem Innehalten im lauten Strom des Alltags.

Norbert Wehrstedt, Leipziger Volkszeitung, 8.11.2007

Fast kommentarloses, packendes, präzises und pointiertes Portrait einer vergehenden Kultur.

Die Presse (Österreich)

Die Hand am Instrument, die ein eigenes Wissen hat um die Beschaffenheit von Saite, Holz und Ton. Und darum geht es am Ende in Langjahrs Film: Um eine bestimmte Form von Anpassung an die Umwelt, die nicht nur über den Verstand läuft, sondern im mindesten gleichen Ausmaß über den Körper, der den Berg besteigt, die Sense schwingt, sich am Gefälle hält, die Mahd einsammelt. ... Langjahr zeigt das ohne Klage-Geste, es ist sogar auch irgendwie lustig, es zeigt auf jeden Fall: Die Zeit geht weiter und anderes kommt.

Peter Uehling (Berliner Zeitung, 15. 11.07 )

«Das Erbe der Bergler» rettet die Vergangenheit vor dem Vergessen ... der vielleicht schönste Film von Locarno.

Ralf Schenk, Berliner Zeitung

Alles hat seine Zeit, seinen Ort, seinen Rhythmus und seine Präzision. 

Tages-Anzeiger, Christoph Schneider

Letztlich geht es um Griffe, Handgriffe, um das Greifen, das Er- und das Zugreifen und vor allem um das Begreifen.

Der Bund, Fred Zaugg

Arbeit und Meditiation in den Bergen als stille Suche nach der Wahrheit.

Giornale del Popolo, Daniela Persico 

... ein makelloses Meisterwerk.

Schweizer Radio DRS 2, Reflexe, Herbert Spaich

... Der Zuger Erich Langjahr huldigt in Das Erbe der Bergler einmal mehr bildgewaltig und spektakulär seiner Faszination für aussterbende bäuerliche Welten in der Schweiz; er zeigt die letzten Wildheuer im Muotatal bei ihrer gefährlichen Arbeit. ...

Tessiner Zeitung, Francesco Welti

... Erich Langjahrs in der Kritikerwoche gezeigter Essay "Das Erbe der Bergler" war einer der schönsten Filme des diesjährigen Festivals überhaupt. Mit der ihm eigenen Ruhe beschreibt Langjahr, wie im Muotatal Tradition am Leben erhalten wird. Bilder von atemberaubender Schönheit und die liebevolle Zuwendung zu den Menschen machen den Film zum Ereignis...

Peter Claus, Südostschweiz, 12. August 06 

Wir sind in unserem Innersten alle geblieben wie die Wildheuer, allerdings ohne jemals gewusst zu haben, was sie denn so ganz genau bewerkstelligen auf den Matten.

Pierre Lachat, Filmbulletin

... – wieder ein langjahrsches Bijou aus Brauchtum, Raum und Zeit und Klang.

Martin Walder, NZZ am Sonntag, 30. Juli 06

....Der Zuger Erich Langjahr huldigt in Das Erbe der Bergler einmal mehr bildgewaltig und spektakulär seiner Faszination für aussterbende bäuerliche Welten in der Schweiz; er zeigt die letzten Wildheuer im Muotatal bei ihrer gefährlichen Arbeit. .... 

Tessiner Zeitung, 3. August 06

Akribisch genau, aufmerksam geduldig und liebevoll zeigt Langjahr, wie Menschen sich tatkräftig um die Natur kümmern – ohne Leistungsdruck und kommerzielle Hintergedanken. Es ist das Werk eines meisterlichen Handwerkers, der die Kamera selber schultert, der keinen Einsatz, keine Hindernisse scheut, um seinem Thema Bilder abzuringen. Dabei nimmt sein Wildheuerfilm das Tempo, den Rhythmus der Wildheuer auf, lässt sich Zeit und setzt damit ein Zeitdokument gegen den Zeitstrom.

Semaine de la critique, Rolf Breiner

Und während man den Berglern bei ihrem schweißtreibenden Schaffen vor atemberaubender Alpenkulisse zusieht, beginnt man sich unweigerlich Gedanken über sein eigenes Verhältnis zur Natur zu machen. Ein faszinierender Dokumentarfilm mit mehr als nur informativem Charakter.

Plan7, Hamburger Morgenpost, Jörg Brandes

Erich Langjahr gelingt es mit seinem Film, Respekt vor der Tradition zu wecken, ohne das Jetzt zu leugnen.

Die neue Südtiroler Tageszeitung, Renate Mumelter

 

Pressestimmen Deutschland

Die Hand an der Sense

Es beginnt mit den Schuhen: Vom Fuß wird ein Umriss abgenommen, der wird auf einen Holzblock gelegt. Dann wird ausgesägt, ein Fußbett modelliert, ein Absatz gemacht. Das Holz geht zum Schmied, der vorne und hinten Steigeisen anbringt. Dann noch zwei Lederriemen: fertig ist der Bergler-Schuh. Im schweizerischen Muotathal hat der Dokumentarfilmer Erich Langjahr die letzten Wildheuer beobachtet, die jedes Jahr mit ihren Berglerschuhen auf die Abhänge steigen, um dort mit Sensen das Gras zu mähen. Sie sammeln es in Netzen zu ungefähr 100 kg schweren Ballen und lassen diese mit Hilfe eines Seilzuges einige 100 m abwärts fahren, um das Heu dort in einem Zwischenlager zu trocknen. Im Winter holen sie es dann wieder heraus und verkaufen es.

Diese Tätigkeit hat Tradition, für die Väter und Großväter war es sogar überlebenswichitg, denn sie hatten kaum andere Einnahmequellen. Für die Bergler, die der Film zeigt, gestandene Männer, Handwerker, Familienväter in den späten 40ern, ist die jährliche Heumahd mehr oder minder nur noch Bewahrung eines alten Wissens, das mit ihnen auch aussterben wird – die Kinder schauen der Wildheuerei schon aus einer geradezu touristischen Entfernung zu.

„Das Erbe der Bergler“ ist ein grosses Lob der Hand. Schon zu Beginn, beim Beobachten des Schuhemachens, ist das zu sehen. Da sind durchaus Maschinen im Einsatz, zum Sägen, zum Feuern, zum Entfernen größerer Holzmengen aus dem Block. Aber die Maschinen glätten nur oder sägen grob herum. Die Anfertigung eines Fußbettes, auch noch eines maßgeschnitzten, braucht die menschliche Hand. Vollends in den Bergen wird der Einsatz der Maschine unmöglich: Mit welchem Rasentraktor wollte man auf den poltriegen Abhängen herumfahren, um Gras zu mähen, das überdies höher als einen halben Meter wächst? Nein, da stehen sie mit ihren Sensen, schlagen vielleicht 20 Mal, dann greifen sie aus dem wassergefüllten Köcher am Gürtel das Schleifeisen und schärfen die Sense neu, und weiter geht’s. Statt vom Rohen und Gekochten möchte man hier vom Rauen und vom Glatten sprechen: Vom handgeknäulten Heuballen, der an allen Enden ausfranst und vom industriell gedrillten, glatten Drahtseil als im weitesten Sinne technischer Vorrichtung, um den Heuballen abwärts sausen zu lassen.

Im „ Erbe der Bergler“ eine Hommage an die alte, gar gute Zeit zu sehen, läge nahe, und wenn am Ende gefeiert wird, man ein kleines Ensemble schrammeln sieht und einen der Bergler einen seltsamen Holzschuhtanz ausführen sieht, dann schwingt da schon eine gewisse „saure Tage, heitre Feste“ – Biederkeit mit. Auch hier aber ist es wieder die Hand, die Langjahr ins Bild rückt, die Hand am Instrument, die ein eigenes Wissen hat um die Beschaffenheit von Saite, Holz und Ton. Und darum geht es am Ende in Langjahrs Film: Um eine bestimmte Form von Anpassung an die Umwelt, die nicht nur über den Verstand läuft, sondern im mindesten gleichen Ausmaß über den Körper, der den Berg besteigt, die Sense schwingt, sich am Gefälle hält, die Mahd einsammelt. Erst der so in die Welt eingepasste Körper ist beheimatet – kein Wunder, dass man das Heimweh früher auch „ Schweizer Krankheit“ nannte, bedeuten doch die Berge eine besondere Anpassungsleistung für den Körper, der dann die Fremde des Flachlands geradezu als pathologischen Mangel erfahren muss.

Wenn am Schluss die Familie eines Wildheuers auf Rollerblades durchs Tal fährt, spürt man die Moderne geradezu als Tritt in den Magen: Statt der handgefertigten Schuhen, stecken die Füße nun in seriell gefertigten Industrieprodukten, und statt durch die rauen Berge geht es über den glatten Asphalt. Langjahr zeigt das ohne Klage-Geste, es ist sogar auch irgendwie lustig, es zeigt auf jeden Fall: Die Zeit geht weiter und anderes kommt.

Peter Uehling (Berliner Zeitung, 15. 11.07 )

Bei den Schweizer Bergbauern

Wussten sie, dass Ameisen zur Wettervorhersage taugen? Bei schönem Wetter sind sie fleissig, während sie bei drohendem Niederschlag konfus herumlaufen. Der Schweizer Regisseur lässt zum Auftakt seines Filmes einen alten Mann erzählen, wie er als Kind zu den Ameisenhaufen geschickt wurde, um das Wetter zu bestimmen. Bereits in dieser kurzen Sequenz zeigt sich, was Langjahrs Dokumentationen so einzigartig macht: Es geht ihm nicht um die menschliche Aussage. Mit wenigen Sätzen erzählt der alte Mann, doch sie beschwören eine andere Zeit herauf – eine Zeit der beengten Verhältnisse, mit strengen Vätern und einem Alltag, der ganz durch Arbeit strukturiert war.

Die Dokumentationen von traditionellen Arbeitsprozessen ist Langjahrs Spezialität. Was trocken klingt, wird bei ihm zu einem Fest der Sinne: Bei seinen Aufnahmen des Schreiners beim Werkeln spürt man fast den Holzstaub in der Nase kitzeln. Im "Erbe der Bergler" widmet sich Langjahr dem Brauch der Wildheuer, dem Abmähen besonders hochgelegener und steiler Bergwiesen. Früher erwarben sich die ärmeren Bauern damit einen Zuverdienst. Heute dient es vor allem der Landschaftspflege: auf den gemähten Wiesen hält der Schnee besser, und es verringert sich die Lawinengefahr. Der Prozess des Mähens zerlegt sich in eine Vielzahl von Handgriffen, die alle von Erfahrung und Tradition zeugen. Oft fällt der Blick auf alte Gerätschaften, für die der Zuschauer von heute gar keinen Namen mehr hat. Mit wunderbarem Gefühl für Timing, nie zu ausführlich und doch stets so lange, dass man sich ein Bild von der realen Dauer machen kann, zeigt Langjahr nicht zuletzt die Härte dieser heute nur noch freiwillig geleisteten Arbeit, die keine Sentimentalität zulässt.

Barbara Schweizerhof (Die Welt / Berliner Morgenpost)

 

Jedes Jahr am 1. August steigen im Muotatal im Schweizer Kanton Schwyz die letzten Wildheuer auf den Berg, um das Heu der steilen Abhänge zu ernten. Ausgerüstet nur mit Sensen und anderen Traditionswerkzeugen machen die Männer eine für ihre Vätergeneration noch überlebensnotwendige Arbeit. Ohne das Heu vom Berg konnten früher viele Bauern ihr Vieh nicht ernähren. Für die Protagonisten von Erich Langjahrs Film hat "ins Wildheu gehen" keinen kommerziellen Nutzen mehr, sondern ist Ausdruck ihrer tiefen Verbindung zur Natur. Hingebungsvoll folgt Langjahrs Kamera den Männern und den Rhythmen ihrer Arbeit und lässt ohne viel Erklärung die Bilder für sich sprechen. Den geduldigen Zuschauer belohnt dieses Konzept mit einem Einblick in eine Welt tief verwurzelter Menschen, die ihren Platz kennen. Hingebungsvoll und schweigsam.

Susanne Stern, Der Tagesspiegel, 22.11.07

Auf steilem Hang

Ein Ahnen-Album. Bilder, die aus der Zeit gefallen scheinen. Im Muotatal (Kanton Schwyz) treten die letzten Wildheuer in die Spuren ihrer Vorfahren. Sie mähen an steilen Hängen das Gras. Wie die Väter. Wie die Großväter. Wie die Ur-Ur-Großväter. Im Tal beginnt die Vorbereitung der Mahd. Holzsandalen – Riemen oben, Stahlspitzen unten – werden mit der Hand gefertigt. Das Mahdgerät kommt hoch auf den Berg. Man sitzt in der Hütte. Man erinnert an alte Zeiten. Man isst. Man senst. Wolken ziehen über die Grate. Das Gras gleitet in Netzen an Seilen den Hang herab und wird eingelagert. Im Winter holen es Schlitten ins Dorf.

Erich Langjahr (Hirtenreise ins dritte Jahrtausend) gelang mit "Das Erbe der Bergler" ein ethnografisches Genre-Gemälde in präzisen Beobachtungen. Eine poetische Studie über eine aussterbende Bergbauern-Tätigkeit. Erich Langjahr, der melancholische Chronist des bäuerlichen Alltags, nimmt sich viel Zeit und sieht genau hin. Als ob er letzte Bilder von jedem dieser Handgriffe fotografieren würde. Der Wechsel der Jahreszeiten treibt den Rhythmus.

So wird "Das Erbe der Bergler" zu einer lyrischen Meditation. Zu einem Innehalten im lauten Strom des Alltags. Zu einem Rückblick auf eine Archaik des Arbeitslebens, die am Versinken ist. Da bleibt Erich Langjahr ganz klassischer Dokumentarist, der unbeirrt von allen Moden Zeitdokumentarist ist. Ruhig, gelassen und sehr visuell.

Norbert Wehrstedt, Leipziger Volkszeitung, 8.11.2007

Respekt vor der Leistung der Alten

Im Wirtschaftskreislauf der modernen Schweiz braucht keiner mehr die Wildheuer. Diese Bauern, die steile Bergwiesen mähen und das Heu in Hütten weit oberhalb der nächsten Gehöfte einlagern, sind lebende Anachronismen. Und so schaut der Schweizer Filmemacher Erich Langjahr ihnen im Film "Das Erbe der Bergner" mit mehr als Respekt und Interesse zu, nämlich mit dem hellwachen Bewusstsein des Entschwindenden: die Kamera sieht etwas, was eigentlich schon gar nicht mehr da ist.

Der Dokumentarist Langjahr hat alten Lebensformen und Arbeitswelten im Zeitalter von Globalisierung und Automatisierung schon mehrere Filme gewidmet: "Bauernkrieg", "Sennenballade" und "Hirtenreise ins dritte Jahrtausend". In "Das Erbe der Bergler" lässt er Bilder und ein wenig seine Protagonisten sprechen, verzichtet auf Erklärungen und Relativierungen. Er erzählt also nicht von der Armut von einst, von den harschen Lebensbedingungen, aber er schaut auch nicht verklärt darauf, wie zwei Männer in hohem Schnee mit Heu beladene Schlitten bergab bugsieren. Es geht nicht um die Sehnsucht, wir könnten uns alle wieder schwielige Hände beim Rackern, angefrorene Zehen im freien und einen frühen Tod bei einem brutalen Arbeitsunfall holen. Es geht um den Respekt vor den Leistungen, die Generationen vor uns erbracht haben, um pragmatischen Erfindungsgeist und einen nun wieder schwindenden Schatz hart erworbener Erfahrung.

Langjahr schaut den verbliebenen Wildheuer zu, aber er schaut auch durch sie hindurch auf die Menschen vor ihnen, die nicht als große Einzelgestalten in die Geschichtsbücher eingegangen sind oder mit Kunstwerken eine Ich-war-hier-Markierung in der Nachwelt hinterlassen haben. Und er zeigt, worin sie sich anonym verewigt haben: in der Perfektionierung von Arbeitstechniken und Ressourcennutzung.

Stuttgarter Zeitung, 22.11.07 (tkl)


Pressestimmen (Auswahl)

Das Erbe der Bergler

Wilderheuer heissen sie, und sie gelten als Ikonen des Schweizertums. Mit ihrem charakteristischen weissen Kapuzenhemd und den Holzschuhen repräsentierten sie nicht selten in Skulpturen und Gemälden, etwa von Ferdinand Hodler, gar den Urschweizer par excellence: Wilhelm Tell. Erich Langjahr porträtiert nun die letzten Vertreter dieses aussterbenden "Handwerks" in seinem Film Das Erbe der Bergler. Er zeigt, wie sie noch heute Ende Sommer hinaufsteigen, um die Bergwiesen zu mähen. Wie sie am Steilhang stehen, das Gras mit der Sense schneiden und es anschliessend in groben Netzen bündeln. Wie sie die Heuballen, unter deren Volumen sie fast verschwinden, zur Seilwinde tragen, die gewichtigen "Päcklein" dann am dicken Draht befestigen und ein paar hundert Meter talwärts zu den Ställen schicken, wo das Heu sorgsam für den Winter verstaut wird.

Aufgestöbert hat der Filmemacher diese letzten Wildheuer im Innerschweizer Muotatal. Einst war dort das Wildheuen von existenzieller Bedeutung: Männer ohne eigenes Land durften auf den hoch gelegenen Wildwiesen das Gras mähen, um einen Batzen dazuzuverdienen oder um das eigene Vieh damit durch den Winter zu bringen. Alte Fotografien zeigen ein ansehnliches Grüppchen – vor einem halben Jahrhundert waren es noch mehr als sechzig Heuer, die eine Woche und mehr auf der Alp zubrachten. Heute sind es bloss noch eine Handvoll, vorwiegend Ältere, die das Wildheuen aus Tradition aufrechterhalten.

Wie schon in seinen Filmen Sennen-Ballade (1996) oder Hirtenreise ins dritte Jahrtausend (2002), mit denen Das Erbe der Bergler eine Trilogie bildet, gibt Langjahr Einblick in ein friedvolles Mit-und-aus-der-Natur-Leben. Seinen erzählerischen Bogen beginnt er beim Schuhwerk. Bedächtig vertieft sich die Kamera in die Arbeitsschritte für dessen Herstellung und zeigt, wie sich das Sägeblatt durch das Holz fräst, wie gehobelt und geschmirgelt wird; wie schliesslich die Lederbändel über den "Holzschiffchen" angebracht und die extra geschmiedeten Griffeisen an die Sohle genagelt werden. Dann erst steigt die Kamera mit den Heuern hoch über die grünen Kuppen und das Felsgestein, über silbern glänzende Wasserläufe hinauf zu den Wildwiesen. Um sieben Uhr in der Früh beginnt das "Zirknen" – das Auslosen der Wiesenstücke -, man trinkt schwarzen Kaffee und "etwas Geistiges" und macht sich dann an die Arbeit.

Das Tun der Wildheuer dokumentiert der Film praktisch ohne Kommentar – einzig Insekten hört man summen, Holzschuhe knirschen, das Heu knistern. Kleine, urige Musikausschnitte (Hans Kennel), zusammengesetzt aus Juzern, Klatschen oder Klängen des Büchel, finden sich als markante Einsprengsel. In ruhigen Bildern zeichnet Langjahr, der selbst die Kamera geführt hat, eine Idylle – auch wenn er selbst nichts von Nostalgie wissen will. Das "Wissen um das einfache Leben" stehe für ihn im Vordergrund, meint er, und die innere Bedeutung dieser "Überlebenskultur", die sich der heutigen Zivilisation entgegensetze. So lässt Das Erbe der Bergler denn auch eintauchen in dieses harmonische Geben und Nehmen von Mensch und Berg – jedoch ohne die Berührungsflächen mit der Neuzeit auszublenden: Mit einem Augenzwinkern klingt der Film aus und zeigt das Nebeneinander von Tradition und Moderne, wenn sein Protagonist, der Wildheuer und Postangestellte Erich Gwerder, mit seinen Inlineskates durch die Gegend flitzt.

Doris Senn CINEMA 52, Schüren 2007

Die realistische Poesie des Heuens

Frei von ethnologischer Überheblichkeit: Der Regisseur Erich Langjahr dokumentiert in seinem neuen Film "Das Erbe der Bergler" eine Muotataler Tradition.

Von Christoph Schneider

Mit den Dokumentarfilmen des Schweizer Regisseurs Erich Langjahr, dieses bedächtigen Beobachters von lebendem oder nur noch überlebendem Bauerntum, ist es ganz eigentümlich. Sie sind voll von Zeichen, dass die Zeit nicht stehen bleibt; aber man tritt in ihnen aus der Zeit hinaus in so etwas wie eine archaische Selbstverständlichkeit. Dort erfährt man, dass es auch noch gibt, was eigentlich nicht mehr gebraucht wird. Es ist einfach noch da und fragt nicht, was die Zeit geschlagen hat. Man sieht es sich an der Moderne reiben und erkennt den Nutzen des Nutzlosen, und sei es nur in seiner handwerklichen Schönheit. Das ist immer das Besondere von Langjahrs Filmen: Ihre Sehnsucht ist ohne Nostalgie (denn die Nostalgie verhält sich zur Sehnsucht wie der Kitsch zur Realität; Sie blendet aus). Sie fordern nicht auf zum Sennentum noch zum Schafehüten oder Wildheuen. Aber sie erhalten den Heuern, Schäfern und Sennen ihre Wirklichkeit und überlassen sie nicht der Werbung für Appenzeller Käse

Bodenständige Freiheit

Schon in der Anstrengung, die eine widerspenstige Natur Langjahrs Protagonisten sichtbar abverlangt, lösen Klischees sich auf. Das war so im letzten Film "Hirtenreise ins dritte Jahrtausend" in dem der Hirt Thomas Landis mit seiner Schafherde langsam und unsentimental durchs Jahr ging. Das ist jetzt so in "Das Erbe der Berglern", einer Dokumentation für die Langjahr mit den Wildheuern im schwyzerischen Muotatal in die "Planggen" des Hinteren Heubrig stieg.

Und hier nun kommen eine Vergangenheit, die man geerbt hat, und die Gegenwart, in der man das Erbe auch hätte ausschlagen können, harmonisch zusammen. Eine Art realistische Poesie des Heuens entfaltet sich da in bodenständiger Freiheit. Nämlich: Was die Wildheuer vom Heubrig, die Bergler bleiben wollen, von den Vätern und Grossvätern, die es sein mussten, geerbt haben, ist nicht der ökonomische Zwang, stotzige Hänge abzumähen, sondern das existenzielle Bedürfnis.

Sie müssen nicht und müssen doch: sie heuen so, wie andere die alten Lieder singen (allerdings ist das Heuen viel anstrengender). Wären sie sentimental und weniger lakonisch veranlagt, würden sie vielleicht ins Philosophieren kommen darüber, was den Postangestellten Erich Gwerder oder den Schreiner Alois Langenegger immer im August auf diesen Berg zieht; über die Macht der Tradition; über die identitätsstiftende Kraft einer Familiengeschichte. Aber sie sind keine Schwätzer und betreiben einfach die Wildheuerei in ihrer wortkargen Unzeitgemässheit, man könnte sogar sagen: als ein rituelles Gesamtkunstwerk, das niemandem eine Erklärung oder eine Botschaft schuldig ist.

Das erfordert mehr als die Fähigkeit, im Steilen mit einer Sense umzugehen. Es beginnt – im Film und in der Wirklichkeit – wohl auch mit der Beobachtung der Ameisen, an denen der "Wetterschmöcker" Peter Suter die Wetterlage abliest, eine gute, wenn sie "schaffen" und eine ungünstige, wenn sie einfach so "herumcheiben". Es beinhaltet die Herstellung von Holzschuhen, auf die der Schmied Josef Schelbert dann Eisengriffe nagelt und in die man barfuss steigt und im Hang steht wie verankert.

Es ist Mähen und Tragen im Sommer und vollendet sich im Winter, wenn der Schreiner Langenegger einen neuen Schlitten baut und das Heu von der Seilstation Horgrasen ins Tal holt. Und es hat alles seine Zeit, seinen Ort, seinen Rhythmus und seine fabelhafte Präzision.

Nichts zu viel, nichts zu wenig

Jahrelang, mit kongenialer Geduld hat Erich Langjahr (und mit ihm seine Frau und Mitarbeiterin Silvia Haselbeck) das beobachtet und sozusagen im selben Takt geatmet. Auch er schwätzt nicht. Die Sorgfalt ist seine Art der Bewunderung. Die Anstrengung des Filmens entsprach der Mühsal des Heuens: oft, sagt der Regisseur, sei es am Hinteren Heubrig steiler gewesen als die Kamera es zeigen könne. "Das Erbe der Bergler" ist von der Genauigkeit mit der Holzschuhe und Schlitten hergestellt werden. Nichts zu viel, nichts zu wenig, und nur die notwendigsten Erklärungen. Vor allem nichts was die Wildheuer nicht selber über sich sagen würden. Dieser Film ist wunderbar frei von ethnologischer Überheblichkeit.

Verdienst, wie gesagt, ist nicht mehr das Wesen der Wildheuerei. Sie hilft gegen die Bodenerosion, das ist ein nicht zu unter schätzender Nutzen und ein zureichender Grund sie zu pflegen. Aber wer sie betreibt im Muotatal, denkt daran wahrscheinlich nicht zuerst. Weil sie immer war, jetzt noch ist und noch einige Zeit sein wird, wenn die Söhne nach den Vätern kommen. Und weil sie mehr Legitimation nicht nötig hat.

Christoph Schneider, Tages-Anzeiger 14.10.2006

Alles Handarbeit – eine dokumentarische Zeitreise

Sie heißen Alois, Toni, Urs, Erik, und sie sind auch im Zeitalter der chronischen Rückenleiden und anderer Bürokrankheiten noch in Bestform. Ein Mal im Jahr, am 1. August, dem Schweizerischen Nationalfeiertag, steigen sie wie ihre Vorfahren vom Muotatal hinauf auf die Alm, um die Heuernte einzufahren, die ihren Familien seit Generationen zusteht. Damals tat man das aus Notwendigkeit, heute aus Tradition.

Regisseur Erich Langjahr, der als unermüdlicher Stammgast des Dokumentarfilmfestivals übrigens auch Leipziger Traditionen zu schätzen weiß, schildert das Werk der Wildheuer mit viel Geduld und Präzision, als Beobachter und nur selten als Kommentator. Die sinnliche Erfahrbarkeit der Arbeit, die nicht gestört wird durch schnelle Schnitte oder Einordnungen, entfacht die Neugier auf die kleinen Rituale und Handgriffe. Auch die Art, ein Stück Holz zu begreifen oder einen Faden mit dem Messer zu kappen, kann eben ein Erlebnis sein.

Noch bevor die Männer (und Erichs Hund) den steilen Berghang erklimmen, wird das Kino zur Zeitmaschine. Da erklärt im Prolog ein alter Bauer, wie er als Kind jeden Morgen Ameisenhaufen beobachten mußte, um das Wetter vorherzusagen. Als direkte Vorbereitung auf die Ernte wird anschließend noch ein Griffholzschuh hergestellt, per Hand versteht sich. Auch für das Nachspiel nimmt sich der Film ausreichend Zeit. Nachdem die scheunengroßen Ballen im Winter nach der Ernte auf einer abenteuerlichen Schlittenfahrt ins Tal gebracht wurden, rückt eine Szene in der Dorfkneipe die Tradition noch ein kleines Stück weit in den Alltag. Doch auch jetzt wird auf Interviews verzichtet. Man begreift auch so, warum die Männer die schwere Arbeit immer wieder auf sich nehmen würden.

Daß sich der Erlös in keiner Weise finanziell auszahlt – wozu soll man das erzählen. Langjahr schildert lieber ein lebendiges Erbe, egal ob es sich nur noch auf den unzugänglichen steilen Berghängen abspielt. Wer es als Gegenbild zu etwas sehen will, ist herzlich dazu eingeladen. Der Regisseur selbst bewegt sich aber eher direkt in den Fußspuren der porträtierten Tradition, indem er sie filmisch bewahrt und eine reiche dokumentarische Ernte einfährt.

Lars Meyer, Playerweb.de (Kinotipp der Woche)


[…] Für die Schweiz sind schon 50 000 Zuschauer ein Erfolg – eine Zahl, die auch dem neuen Dokumentarfilm von Erich Langjahr, vielleicht dem schönsten Film von Locarno, zu wünschen ist: "Das Erbe der Bergler" begleitet Männer, die auf steilen Berghängen Heu machen, Landschafts- und Traditionspflege zugleich. Langjahr schuf eine filmische Hommage an jene Schwerstarbeit, die noch vor Jahrzehnten zum Alltag der Bergbauern gehörte. Heute ist das so genannte Wildheuen zum Hobby von Männern geworden, die fast alle in anderen Berufen arbeiten: "Das Erbe der Bergler" rettet die Vergangenheit vor dem Vergessen. […]

Ralf Schenk, Berliner Zeitung, 15.8. 2006


Erich Gwerder steht an der Seilstation im Horgrasen, im Muotatal in der Schweiz. Ein Jodler gibt der Bergstation Signal. »Seile!«, ruft Gwerder. Dann bewegt sich sein Gepäck über das Tal die steile Bergwand hinauf zum Wildheugebiet Hinterer Heubrig. Seit er zehn Jahre alt war, geht Gwerder mit seinem Vater Albert ins Wildheu. Auch diesmal ist der 88-Jährige dank eines kurzen Hubschrauberfluges Punkt sieben Uhr bei der Verlosung des Geländes dabei. Jeder Bergbauer bekommt sein Stückchen Wiese zugeteilt. Früher, berichtet der alte Gwerder, seien die Hütten vollbesetzt gewesen, das Wildheuen war eine finanzielle Notwendigkeit für die armen Bergbauern, die damit ihre wenigen Tiere durch den Winter brachten.

Regisseur Erich Langjahr übersetzt die handwerklichen Arbeitsschritte, die zur Vorbereitung des Heuens notwendig sind, in schlichte klare Bilder der Beobachtung, fast als wolle er sie als Arbeitsanleitung für zukünftige Generationen festhalten. Ausführlich zeigt er die Anfertigung der groben Holzschuhe, die mit wuchtigen Spikes versehen werden, um den Berglern beim Sensen am Steilhang Halt zu geben. Auch das Einrichten und Dengeln der Sensen, das Einsammeln einer Kollekte, welche die Bauern der Kirche spenden werden, um Fürbitten lesen zu lassen, filmt Langjahr mit der präzisen Genauigkeit eines Ethnografen. Einer der besten Sorte: Langjahr ist parteiisch und doch distanziert.

Die Schweigsamkeit und das Leben mit der Natur, das Alphorn und der Besentanz werden einem lieb, wenn man mit Langjahr und den Bergbauern den Tag verbringt. Die Nuancen der Bilder von Berghängen und Gipfeln, die von moosgrün, gelbgrün, grellgrün bis fast ins Schwarze changieren, beruhigen das Auge, vermitteln ein Gefühl von Bodenhaftung. Das Erbe, das dieser Film weitergibt, ist Tradition im besten Sinne: sinnstiftend, authentisch und kein bisschen folkloristisch.

Susanne Schulz, Kreuzer, Leipzig (www.kreuzer.de, 12.11.2007)


Erich Langjahr gelingt mit einem präszisen, poetischen Portrait der letzten Wildheuer vom Muotatal ein magistrales Werk.
Kann ein Dokumentarfilm das dramaturgische Spannungspotenzial eines Spielfilms erreichen? Ja, wenn einer wie der Schweizer Filmpreisträger Erich Langjahr am Werk ist. Mit der Trilogie über das Bauernleben – "Bauernkrieg", "Sennen-Ballade" und "Hirtenreise ins dritte Jahrtausend" – hat er Qualitätsakzente gesetzt, mit "Das Erbe der Bergler" gelingt ihm nochmals eine Steigerung.

Programm Zeitung Raum Basel, Michael Lang

Wildheuerlied

Erich Langjahrs Filme stehen wie Findlinge in der Landschaft "Das Erbe der Bergler" in den stotzigen Hängen des Muotatals. Erzählt wird, warum Traditionen kostbar sind.

Filme müssen heute schnell sein. "Ein Film muss nicht schnell sein, er kann auch langsam sein, aber er muss einen Rhythmus haben. "Was der 62-jährige Innerschweizer Erich Langjahr im Gespräch beiläufig sagt, ist eine Binsenwahrheit. Nur ist sie bei ihm nie wohlfeil, sondern bis in die Nischen von Raum und Zeit auf der Leinwand realisiert. Ein paar zehntausend Zuschauerinnen und Zuschauer hat er in seinem letzten Film zusammen mit einer Herde Schafe durchs halbe Land auf eine "Hirtenreise ins dritte Jahrtausend" gelockt – mit grossem Erfolg.

Weil seine Filme auf ihre eigene Weise so weltläufig sind und immer von heute aus erzählen, käme niemand auf die Idee, sie anachronistisch zu finden. Die Zeit ist ihr Thema Langjahr nimmt ihr den Puls an den Rändern von Landschaft und Landwirtschaft im Umbruch. Er ist selber ein notorischer Finder im Humus und im Müll unserer Zivilisation, gewissermassen ein Archäologe: im Parterre seines 300 Jahre alten Bauernhauses im Luzernischen hat er ein Museum eingerichtet. Über einen archäologischen Einsatz hat er einmal einen Film gedreht, hat den Leuten zugesehen, die stundenlang in unbequemer Stellung mit Schäufelchen und Pinseln Bergungsarbeit leisten. So eigensinnig und geduldig ist er auch selber zusammen mit seiner Frau und Partnerin Silvia Haselbeck.

Erich Langjahrs Zeitreisen sprechen ein Bedürfnis an: es sind keine Reisen aus der Zeit, sondern in die Zeit, in die Erfahrung von Zeit. Deshalb fragen wir uns ob seines neuen Films auch nicht, was uns um Himmels willen die paar Muotataler angehen, die die Tradition des Wildheuens lebendig erhalten, jedes Jahr am 1. August in die Berge gehen, um Gras zu schneiden und um die Planggen die Steilhänge vor der Erosion zu bewahren. Am Vorabend sind die Männer aufgestiegen, im steilen Zickzack über Felsbänder, bis zu den paar Hütten, die rittlings auf einer Krete hocken. Der 88 jährige Albert Gwerder lässt sich mit dem Helikopter hissen, er will nochmals dabei sein. Vor sechzig Jahren seien da jeweils 40 bis 50 Bauern ohne eigenes Land am Arbeiten gewesen, manchmal wochenlang, um sich die Existenz zu sichern. Am 1. August um sieben Uhr in der Früh werden die Planggen mit aus einer Schüssel gezogenen Zettelchen im sogenannten Zirknen zugeteilt. Ein Kaffee "mit etwas Geistigem" gehört dazu. Dann wird mit der Sense gemäht, das Heu gebündelt und an einem Seil talwärts sausen gelassen. Die Ballen werden in einem Schopf verstaut und im Winter mit dem Schlitten in schwankenden Fuhren ganz ins Tal gefahren. Der Kommentar des Films beschränkt sich auf die nötigsten Informationen. Geredet wird ohnehin fast nichts. Das macht den Raum weit auf für Töne und Klänge und ein aufmerksames Auge. Das Wetter wird gut sein, orakelt ein alter Mann am Anfang des Films aus der Art, wie die Tiere sich in einem Ameisenhaufen bewegen: ob sie kopflos betriebsam sind oder zielgerichtet. Die Muotataler sind berühmt für ihre Wetterprognosen. Was kann es heissen, eine Tradition zu verlebendigen? Erich Langjahr gibt die Antwort: indem nicht nur dokumentiert wird. Essenziell ist auch die Erinnerung an Mühsal und Glück wachzurufen und zu würdigen, wie früher in den zu meisternden Alltag investiert worden ist.

Dafür nimmt sich "Das Erbe der Bergler" seine Zeit, lässt uns mehrere Minuten lang zuschauen, wie mit Hingabe ein Paar Holzschuhe gefertigt wird, aus einem Stück mit heutigem Werkzeug gesägt, gefräst, geschnitzt und gehobelt, wie es, vom Schmied gehämmert, Steigeisen verpasst bekommt. Wenn der Bauer dann oben in der Plangge mit sicherem Tritt die Sense schwingt, wird klar weshalb.

Das wirkliche Gefühl fürs Gefälle geht auf der Leinwand rasch verloren. In diesem Film wirken die Hänge so stotzig, wie sie sind. Über unterschiedliche Distanzen und Perspektiven wird der Raum über dem Tal im Film erst wieder montiert. Und über die Klänge, ihre Reihung, ihre Staffelung in die Ferne komponiert. Vielleicht das Schönste ist hier, wie der Raum sich mindestens so sehr aus den Tönen wie aus den Bildern heraus konstituiert und verdichtet. Ein Film muss nicht schnell sein, aber er muss einen Rhythmus haben.

Das Kreischen der Holzsäge findet seine spätere Variation im Sirren der Holzklammern auf dem Stahlseil, wenn die angehängten Heuballen wie Meteoriten über Köpfe und Wipfel zu Tal flitzen und auf dem Boden aufschlagen. Das Hämmern auf dem Amboss hat ein Echo im Dengeln der Sensen. Das Knattern eines Motorrads tief unten im Tal begleitet oben das Zischen des Grases im Schnitt und das Piepen des kreisenden Bussards. Nach getaner Arbeit wird ein Motorrad den Heuer samt Hund nach Hause fahren, am Abend machen das Scheit auf dem Besenstiel und die Holzschuhe (ohne Eisen) auf den Bodenplanken in der Wirtschaft ihre eigene Musik. "Das Erbe der Bergler" ist in suggestiver Art lautmalerisch wie der Refrain alter Wildheuerlieder, die diese Arbeit besingen.

Zum Schluss schlüpft der Wildheuer von den Holzschuhen in die Inline-Skates und saust, im Alltagsleben ein Postangestellter, über den Asphalt davon. "Luegid vo Berg und Tal" stimmen aus dem Off Hans Kennels Büchel und Alphörner an: voll von Sentiment, ironisch zum Stakkato gebrochen, innig und witzig verspielt. Unsere Zeit hat uns wieder. Aber nicht ganz.

Martiin Walder, NZZ am Sonntag, 15.Oktober 2006

Heuen an den Hängen des Muotatals

Mit seinem neuen Film "Das Erbe der Bergler" setzt Erich Langjahr seine Erforschung der Nähe fort

Was ist es eigentlich das uns die Eltern mitgegeben haben: Diese Frage stellt Erich Langjahr seit langem sich und uns, mit der "Alpinen Saga" "Das Erbe der Bergler" direkter denn je.

Seit einiger Zeit ist er ja arbeitsfrei, der 1. August unser Nationalfeiertag. Dies gilt nicht für die letzten Wildheuer im Muotatal im Kanton Schwyz. Jedes Jahr steigen sie am 1. August hinauf in den Hinteren Heubrig. Dort ist das Wiesland so steil und so gefahrvoll zu erreichen, dass es nicht beweidet werden kann. Aber fein duftendes Kräuterheu wird auf diesen Planggen seit Generationen geerntet und als Winterfutter zu Tal gebracht

Wie die Väter und Grossväter macht sich eine Handvoll Wildheuer mit dem Beginn des Erntemonats auf, die traditionelle Bewirtschaftung der Bergheimat fortzusetzen. Sie rüsten sich aus mit Sensen und Wetzsteinen, Heugaren, Griffholzschuhen und all dem für die fachmännische Ausführung der einzelnen Arbeitsetappen Notwendigen. Frühmorgens beginnt alles mit etwas Geistigem und einer Spende für die Messe. Dann wird gemäht: das rechte Knie gegen den Hang gestemmt. 

Auf den Schnitt und das Trocknen folgen die verschiedenen Phasen des Einbringens und schliesslich – viel später im Schnee – das Überführen mit Hornschlitten von den hoch gelegenen Schobern ins Tal. Es wäre schade, mehr zu verraten, denn hinter den einzelnen Verrichtungen verbirgt sich manchmal Thriller-Spannung und Komödien-Heiterkeit, Vier Jahre lang hat Erich Langjahr am Film "Das Erbe der Bergler" gedreht. Er zeigt uns jede Bewegung, jeden Schritt. Der Weg beginnt übrigens schon beim Holzschuhmacher Alois Langenegger.

Teil eines existenziellen Kampfs

Letztlich geht es um Griffe, Handgriffe, um das Greifen, das Er- und das Zugreifen und vor allem um das Begreifen. Das mag nach Schulmeisterei oder Ethnologiestudium klingen. Ist es jedoch nicht. Für sich und für uns erlebt Erich Langjahr mit seiner Kamera den Wildheuet in den Steilwiesen. Und dieses Erleben und Erfahren versteht er auf begeisternde Weise mit Bildern zu vermitteln. "Die Erben der Bergler sind für mich nicht nostalgische Zeugen einer versunkenen Überlebenskultur im Muotatal, sondern machen mir bewusst, was es bedeutet sich der Natur, das heisst den Bedingungen des Überlebens zu stellen, indem sie einen Teil des existenziellen Kampfes der Väter au echterhalten", schreibt er,

Damit wird klar, dass es nicht um konservatives, rückwärts gerichtetes Schauen und Denken, und noch weniger um verzweifeltes Bewahren oder Bezeugen für Kommende geht, sondern um Gegenwart, und in dieser Gegenwart um das Bewusstsein der Herkunft, um die Identität, die wir ja bekanntlich nur zu einem Teil selbst bestimmen. Leben steht im Zentrum, handelnde Menschen, die Erich Langjahr für seinen Film gewinnen konnte und die er richtigerweise Schauspieler nennt. Allerdings werden keine Rollen gespielt, sondern Einblicke ins Leben gewährt. Die Basis des Films bildet ein tiefes Vertrauen zu Erich Langjahr, an dem nun auch das Publikum teilhaben darf. Des Persönlichkeitsschutzes bedarf es nicht, weil Respekt und Achtung selbst verständlich sind.

Wilde Schönheit 

Als Hauptpersonen gibt es fünf "temporäre" Wildheuer, Meister ihres Fachs, hinter deren Namen es allerdings jenen Beruf zu setzen gilt, der die Existenz in der Muotataler Gegenwart ermöglicht beziehungsweise ermöglichte. Albert Gwerder (pensionierter Schreiner), Erich Gwerder (Postangestellter und Jäger), Alois Langenegger (Schreiner, Holzschuhmacher und Mänerflicker), Toni Schelbert (Postangestellter), Anton Büeler (pensionierter Wildhüter, Jäger und Jodler). In ihrem Umfeld sind der Wetterschmöcker Peter Suter (pensionierter Sandstrahler), der Schmied Josef Schelbert, der Besentänzer Heinz Gwerder, das Echo vom Schattähalb mit Daniel Schmidig, Cornel und Urs Schelbert, sowie Familienangehörige und so weiter zu finden. Und weiter spielt die Landschaft mit die Natur mit ihrem gewaltigen Gefälle und ihrer wilden Schönheit, die Bergwelt, deren Herausforderung der Mensch vor Jahrhunderten annahm, bis sie ihm irgendwann zur Heimat wurde.

Was die fünf Wildheuer Jahr für Jahr im August tun, entspricht nicht mehr existenzieller Notwendigkeit, aber jenes Wissen das gesammelt von Generationen eine Existenz ein Überleben in den Bergen erst ermöglichte ist als Essenz noch darin enthalten Und es stellt sich die Frage ob mit dem Wildheuet auf dem Hinteren Heubrig der irgendwann aufhören wird nicht et was sichtbar gemacht wird das uns erst eine Zukunft geben könnte das rechte Knie in der Erde des Gefälles das Augenmass für den Schnitt die Arbeit in der Gemeinschaft und das Zusammenleben mit der Natur Sind wir nicht zu sehr auf Verbrauchen Vergessen und oft sogar Verachten getrimmt?

Höchstmass an Freiheit

Seit seinem ersten langen Film "Morgarten findet statt" 1978 ist Erich Langjahr mit seiner Neugier de und seiner Kamera auf der Spur des Lebens Findet er es, so lässt er sich von ihm führen, sieht den Lichtzauber, die Hänge, begegnet Menschen mit ihrem Werken, Lachen und Tanzen, und findet möglicherweise erst viel später, beim Monate dauernden Schnitt, sich selbst. Indem er in sich Drehbuchautor, Regisseur, Kameramann, Cutter, Produzent und Verleiher vereinigt, hat er ein Höchstmass an Freiheit und Unabhängigkeit, trägt aber auch das ganze Risiko. Mit seiner Lebensgefährtin Silvia Haselbeck, die als Tontechnikerin und Assistentin wirkt, bildet Erich Langjahr ein seit Jahren bewährtes Team für die Entdeckung der eigenen Umgebung.

Fred Zaugg, Der Bund, 14, Oktober 2006

Der letzte Bergler in uns allen

Der Filmemacher Erich Langjahr schaut in "Das Erbe der Bergler" in die Welt der Wildheuer im Muotatal

Am 1 August ruft der Berg. Jeden Nationalfeiertag steigen Erich Gwerder und seine Kollegen aus dem Muotatal auf den Hinteren Heubrig zum Wildheuet. Auf dem Grasband über dem felsigen Abgrund lassen die Tellensöhne mit den Holzschuhen an den Füssen die Sensen schwingen. Die Wild heuer sind Teil einer langen Tradition Sie sind vielleicht die Letzten ihrer Art
Ein Sujet für die Ballenberg Schweiz? Nein. Ein Sujet für Erich Langjahr. Seit dreissig Jahren dreht der Innerschweizer Filme, seit gut zwanzig Jahren vor allem über bäuerliche Lebenswelten am Rande des Verschwindens. Wie in seiner Bauern-Trilogie ("Sennen Ballade", "Bauernkrieg". "Hirtenreise ins dritte Jahrtausend") geht es ihm auch in "Das Erbe der Bergler" um mehr als um filmische Traditionspflege. In seinen Werken legt Langjahr heimatliche Wurzeln frei und peilt tief liegende Identitätsschichten an den Bergler in uns allen.

Heutige Wildheuer fahren mit dem Motorrad zum Berg

Auf dem Plakat zum Film trägt ein Wildheuer nicht nur ein Fuder Heu sondern auch "seinen" Berg. Das Bild passt. Langjahr zeigt die Wildheuer als stille Heimathelden, auf deren Schultern eine ganze Welt ruht. Trotzdem glorifiziert er sie nicht, sondern zeigt auch die Brüche, die drohende Folklorisierung, weil die Arbeit ihre existenzsichernde Bedeutung verloren hat, und die Zeichen der Gegenwart. Der Wildheuer von heute fährt mit dem Motorrad zum Berg. Oder er nimmt den Helikopter.
Langjahr begleitet die Wildheuer auch im Winter, wenn sie die Ballen auf den Schlitten ins Tal fahren, er besucht den Schuhmacher, der die Holzsandalen herstellt, den Schmied, der diesen das Eisen aufbrennt. Mehrmals rückt er Kinder ins Bild. Sie sind ihm Hoffnung, dass die Tradition weiterlebt, und Vorbild. Mit seiner Kamera begibt er sich auf die Höhe ihres staunenden Blicks.

Der 62-jährige Langjahr ist ein filmischer Selbstversorger

In vielem gleicht Langjahr, der im luzernischen Root in einem Tätschhaus aus dem 17. Jahrhundert lebt "seinen" Wildheuern. Zusammen mit seiner Frau Silvia Haselbeck dreht schneidet und produziert er die Filme nicht nur, er verleiht sie auch selbst. Der 62-jährige ist ein filmischer Selbstversorger. Damit verkörpert er einen Filmemacher-Typus, der seinerseits vom Aussterben bedroht ist.

Vier Jahre hat sich Langjahr für "Das Erbe der Bergler" Zeit genommen. Jetzt ist kein Ton, kein Bild zu viel. Alles ist an seinem Platz, der Film hat seine Gestalt in seinem Material gefunden. In seiner schlichten, kommentarlosen Form gleicht er einer Ballade. Nun trägt Langjahr sein Werk ins Tal in die Kinos. Wie die Wildheuer ist auch er einer, der sich mit seinem Tun dem Lauf der Welt entgegenstemmt.

Thomas Allenbach, Sonntags-Zeitung 8.10.2006

Wildheuer als Filmhelden

Erich Langjahr dokumentiert eine aussterbende Welt

Seit zwanzig Jahren schafft der Zuger Erich Langjahr etwas vom Kostbarsten, was es gibt, er dokumentiert aussterbende Welten, allerdings geht es hier nicht um vergessene Planeten oder Kontinente, sondern um typische Schweizer Mikrogesellschaften, die Zuschauer wissen es seit seiner Bauerntrilogie, die auch in der Westschweiz zu sehen war und vor kurzem nach der "Sennen-Ballade" und dem "Bauernkrieg" mit der "Hirtenreise ins dritte Jahrtausend" beendet worden ist. Diese lange, über zehn Jahre dauernde Arbeit, die dank eines komplett unabhängigen Netzwerks sogar ohne Hilfe eines Verleihers auskommt, ist ihm offensichtlich nicht verleidet, denn im Rahmen der "Kritikerwoche" von Locarno stellte er am Mittwoch eine weiteres Ergebnis seiner Beschäftigung mit der Welt der Bauern und ihrem traditionellen Handwerk vor.

"Mich interessiert das überlieferte Wissen des einfachen Lebens, die Grundlage der menschlichen Existenz," sagt er, im Film ‹Das Erbe der Bergler / Alpine Saga› erzähle ich die älteste Geschichte des Wildheuens auf Schweizer Alpen." Alt, aber nicht ausgestorben: Während vier Jahren und im Alter von etwas mehr als sechzig Jahren hat Erich Langjahr die Welt der Wildheuer beobachtet, gefilmt und sich so sehr mit ihr assimiliert, bis die Anwesenheit der Filmkamera nicht mehr spürbar war. Einige der steilen Wildheuer-Wiesen im Muotatal im Kanton Schwyz hängen buchstäblich am Berg, auf Terrassen hoch über imposanten Felswänden.

Jedes Jahr am ersten August steigen die Wildheuer hinauf in die steilen Planggen des "Hinteren Heubrig", ausgerüstet mit Sensen, Heugaren und Griff-Holzschuhen, um die Wildheu-Ernte einzubringen, so wie das schon ihre Väter gemacht haben. Sie sind die Söhne einer Generation, die in der Herausforderung und im Einvernehmen mit der Natur lebten und überlebten. Eine Generation übrigens, die es verstand, aufgrund des Verhaltens der Ameisen das Wetter vorauszusagen: Wenn die Ameisen arbeiten, gibt es schönes Wetter, verhalten sie sich abwartend, gibt es Regen.

Erich Langjahr versteht es aufs beste, sich ganz zurückzunehmen, um Männer und Familien in Extremsituationen und an ebenso extremen Orten zu zeigen, die sich aus freien Stücken der Härte und den Entbehrungen des Alltags unterziehen. Er filmt sie so nüchtern und ohne jegliche Bewertung, dass Lachen und Ergriffenheit direkt vom gelebten Leben, von der Realität hervorgerufen werden. Man muss sie gesehen haben, diese schweigsamen Helden, wie sie sich geduldig, tüchtig und mit viel Fleiss ihrer Aufgabe widmen: die völlig selbstlose Bewahrung der Landschaft. Man muss gesehen haben, wie sie die Bergwiesen mähen, wie sie sich das Heu in bis zu hundert Kilo schweren Ballen auf die Schultern laden und es in den Schober tragen, von wo sie es im Winter auf handgefertigten Schlitten ins Tal transportieren. Man könnte dies alles nutzlos finden, aber so ist es nicht: Die bescheidenen Herkulesse festigen die alpine Humusschicht, verhindern Bodenerosion und Felsstürze. Dieser aussergewöhnliche Wildheuerfilm passt sich ganz dem Rhythmus der Mäher an und steht damit ein Dokument ganz und gar ausserhalb zeitgemässer Filmströmungen. 

Thierry Jobin, Locarno; Le Temps, 9. August 2006 [Übersetzung]

Bedrohte Tradition

[…] In seinem neuen Film «Das Erbe der Bergler» zeigt Erich Langjahr ...  eine Schweizer Realität, die vom Aussterben bedroht ist. ...

Jedes Jahr am 1. August steigen im Muotatal die Wildheuer hinauf in die steilen Berghänge, um die Wildheu-Ernte einzubringen – so wie es seit vielen Generationen Tradition ist. Erich Langjahr zeigt mit seinem neuen Film diese gefährliche, früher existenzielle Arbeit, die ein Teil der Identität im Erbe der Talgemeinschaft bedeutet. Wie schon in seinen früheren Werken beobachtet der Innerschweizer genau und lässt sich die Zeit, die es dafür braucht. Und einmal mehr gelingt ihm damit ein ebenso stimmungsvolles wie fesselndes Porträt eines Handwerks und jener Menschen, die womöglich zu den Letzten gehören, die diese Tradition noch zu pflegen vermögen.

Ein schöner dramaturgischer Bogen gelingt Langjahr mit den Holzschuhen, deren Herstellung in der Schreinerwerkstatt am Beginn des Filmes steht. Die Holzsandalen mit Steigeisen geben den Wildheuern in den beinahe senkrecht abfallenden Hängen die nötige Bodenhaftung; ohne Beschläge tauchen sie am Ende wieder auf, beim Fest im Wirtshaus – bei einem Holzschuhtanz. Wenn dann im Schlussbild Wildheuer und Pöstler die Rollerblades an die Füsse schnallen, sagt Langjahr damit nicht nur in diesem Moment mehr, als er mit jedem Begleitkommentar erzählen könnte. ...

Andreas Stock, St.Galler Tagblatt, 11.8.2006

Das grosse Schweigen im Muotatal€

Die Liturgie der Heuernte in "Das Erbe der Bergler"

Ein Film der Gesten, fast ohne Worte, gewissermassen das Grosse Schweigen im Muotatal, wo ein paar Wildheuer die Rolle von Philip Grönings Mönchen spielen. Wenn man diesen Bauern aus dem Kanton Schwyz zuschaut, die unglaubliche Strapazen auf sich nehmen, um die Heuernte einzubringen, glaubt man wirklich, einem archaischen Ritual beizuwohnen, das einer präzisen Liturgie folgt. Reich werden sie ganz bestimmt nicht von dieser Arbeit, aber ein klein wenig trägt sie dazu bei, ihren Lebensunterhalt zu erleichtern. Dies alles dokumentiert "Das Erbe der Bergler / Alpine Saga" von Erich Langjahr.

Der Film zeigt die Heuernte von den Vorbereitungen bis zum Transport des Heus ins Tal. Es ist ein Zyklus, der in diesem Fall tatsächlich am 1. August beginnt und im Winter damit endet, dass das im Sommer eingelagerte Heu auf extra zu diesem Zweck gebauten Schlitten zum Wägen ins Tal hinunter gebracht wird. Alles wird gemacht, wie die Tradition es will, sei es die peinlich genaue Zurüstung der benötigten Geräte, sei es die Herstellung der speziellen Holzschuhe, an denen mit Lederriemen Steigeisen befestigt werden, sei es der Transport der bis zu hundert Kilo schweren Heuballen auf den Schultern. Langjahr beobachtet jede Geste, jede Tätigkeit "seiner" Bauern, hinauf auf nur schwer begehbaren Pfaden bis zu den Bergwiesen und zeichnet ein weiteres Porträt von Figuren, die am Aussterben sind, ein Lieblingsthema Erich Langjahrs, dem er sich bereits in früheren Arbeiten wie der "Hirtenreise ins dritte Jahrtausend" gewidmet hat. 

Der Betrachter im bequemen Kinosessel empfindet so etwas wie Frieden, wenn er den Wildheuern bei ihrer anstrengenden Arbeit zuschaut. Langjahr gelingt es, während der gut anderthalbstündigen Dauer seines Films keine Langeweile aufkommen zu lassen. Sein gelungener Dokumentarfilm schmeckt "old fashioned", jede Bewegung mit der Sense, jeder Schritt der der Wildheuer verwandelt sich in einen Tanz des Menschen mit der Natur, die ihn umgibt, ein Tanz, der uns dank seiner Poesie zu faszinieren vermag. 

Fabrizio Coli, Corriere del Ticino, 9. August 2006 [Übersetzung]

Die kräftigen Männer sind dem Heu treu

Locarno. Erich Langjahr hat die Muotataler Wildheuer auf den Berg begleitet. »Das Erbe der Berglen gibt Einblick in eine nahe und doch fremde Kultur. Immer am 1. August steigen die Schwyzer Wildheuer auf den »Hinteren Heubrig«, um in den »Planggen« (steilen Wiesen) mit Sensen das Gras zu mähen. Es ist ein archaisches Ritual vom Schnitzen der Holzschuhe über das gefährliche Sicheln am Berg bis zum abendlichen Folkloretanz in der Beiz. Dabei reden die Männer nur wenig.

Regisseur Erich Langjahr (62) ist der Clint Eastwood des Schweizer Dokfilms: Er fokussiert auf bodenständige katholische Kerle, schlägt einen behutsamen Rhythmus an und vertraut mit der Souveränität eines Meisters der (Aussage-) Kraft seiner Bilder. Als Zuschauer wundert man sich, wie viel Aufwand die Männer für das Heu betreiben, und fiebert in ihrem Rhythmus mit.

Der Wildheuerfilm ist weniger poetisch und feminin als sein Vorgänger »Hirtenreise ins dritte Jahrtausend«. Aber er ist stark und beeindruckend – wie der Berg und die Männer, die ihn erklimmen!

Christian Jungen, Blick, 11. August 2006

Wildheuer, Musiker und eine sterbende Stadt 

[…] Unverwechselbar in Form und Inhalt sind die Filme Erich Langjahrs. Seiner Trilogie über das Bauernleben an der Wende zum dritten Jahrtausend ("Bauernkrieg", "Sennenballade", "Hirtenreise ins dritte Jahrtausend") hat er nun einen vierten Film hinzugefügt. In "Das Erbe der Bergler" beobachtet und begleitet der Innerschweizer die letzten Wildheuer im Muotatal bei ihrer Arbeit. Den Kommentar reduziert Langjahr wie stets auf das Nötigste. Die Bilder sollen für sich sprechen – und vor allem ihr Rhythmus. Denn dieser lässt den Zuschauer den Film nicht nur sehen und hören – und Langjahrs Filme schulen immer auch die sinnliche Wahrnehmung –, sondern in diese langsam verschwindende Arbeits- und Lebenswelt eintauchen und in ihr versinken.

Rund 15 Minuten nimmt sich der ebenso geduldige wie genaue Beobachter Zeit die Herstellung eines Holzschuhs zu zeigen. Spürbar wird dadurch die Verbindung von Erzeuger und Produkt. Leben und Arbeit, Mensch und Natur sind eins in Langjahrs Filmen, die Heimatfilme im besten Sinne des Wortes sind – verankert in der heimatlichen Umwelt, aber frei von Klischees, Sentimentalität und Verklärung. Den Blick für moderne Errungenschaften verschließt dies aber keineswegs, denn ausgesägt und geschliffen wird der Holzschuh mit modernen Maschinen. Auch die wunderbare, sehr reduziert eingesetzte Musik von Hans Kennel erzählt von diesem Ineinanderfließen von Alt und Neu.

Mit Steigeisen werden die Holzschuhe schließlich beschlagen, denn nur so finden die Wildheuer an den teilweise fast senkrechten Bergwiesen Halt. Beinahe wortlos dokumentiert Langjahr Aufstieg, Aufteilung der Weiden, Schleifen der Sensen und Mähen. Der genaue Blick richtet sich ebenso sehr auf die Landschaft wie auf Handgriffe und Details. Fast zwangsläufig etwas kurzatmiger sind diese Szenen, da diese Arbeiten doch nicht so komplex sind wie beispielsweise die des Älplers, die in "Sennenballade" im Mittelpunkt standen. Mit dem Mähen ist es aber nicht getan, das Heu muss auch noch ins Tal gebracht werden, wird auf Alpen zwischengelagert und im Winter mit Schlitten abtransportiert. So zeichnet "Das Erbe der Bergler" einen zeitlichen Kreislauf nach, der sich gleichzeitig motivisch beim Tanz mit – nun von Steigeisen befreiten – Holzschuhen in der Dorfkneipe schließt. Nochmals trifft dann auch in einer Schlußpointe Altes auf Neues, wenn der Heuer und seine Familie statt der Holzschuhe Rollerblades anschnallen und durchs Muotatal gleiten.

Walter Gasperi, www.kultur-online.net 3.8.2006 

 Sämtliche Pressestimmen (alle Sprachen) 


Text Programmheft Semaine de la critique Locarno 2006

»Mich interessiert das Wissen des einfachen Lebens, die Grundlage der menschlichen Existenz.« 
(Erich Langjahr)

Nicht irgendein Sommertag, sondern der Sommertag: Am Schweizer Nationalfeiertag, 1. August, brechen sie auf, die Mannsbilder im Muotatal. Sie schnüren die Bergschuhe, schultern den Rucksack und richten den Blick am frühen Morgen bergwärts. Die Schwyzer Erich, Toni und Anton haben ein Stück schwere Arbeit vor sich. Von den Alphütten steigen sie die steilen Hänge hinauf, ausgerüstet mit Sensen, Heugaren, Seilen, griffigen Holzschuhen und eisernem Willen. Die Männer gehen ins Heu, sie bringen die Wildheu-Ernte ein. Schweigsam, duldsam, wirksam. Die Wildheuer betreiben Landschaftspflege – und halten eine Berglertradition aufrecht, die heute seltsam anmutet. Denn diese harte Sisyphus-Arbeit an den steilen Hängen des »Hinteren Heubrig« ist selbstlos, aber nicht wirkungslos, ertragreich, aber nicht kommerziell. Sie mähen die Bergwiesen, bündeln das Heu, lagern die 100 Kilo-Fuder in den Hütten ein und fördern sie teilweise im Winter auf Schlitten zu Tal. Durch ihre Mähtätigkeit geben sie der Bergkrume halt, verhindern Erosion bei Schnee und beugen Riefen vor.

Rund um diese schweisstreibende Arbeit am Berg hat der Innerschweizer Erich Langjahr seinen jüngsten Dokumentarfilm aufgebaut, den er im Lauf von vier Jahren gedreht hat. Er ist mit der Kamera dabei, wenn der Wetterschmöcker Peter Suter Wetterprognosen anhand der Ameisen-Aktivität erläutert, wenn der 88-jährige Albert Gwerder per Helikopter zur Wildheuete geflogen wird, wenn die Wildheuer im tiefsten Schnee das Heu zu Tal befördern. Am Ende kehrt der Alltag ein, stülpen die Kerle am Berg ihren Motorhelm auf, schnallen die Skateboards an und amüsieren sich bei Heinz Gwerders Besentanz und an der Ländlermusik des »Echo von Schattähalb« in der Dorfbeiz.

Akribisch genau, aufmerksam geduldig und liebevoll zeigt Langjahr, wie Menschen sich tatkräftig um die Natur kümmern – ohne Leistungsdruck und kommerzielle Hintergedanken. Es ist das Werk eines meisterlichen Handwerkers, der die Kamera selber schultert, der keinen Einsatz, keine Hindernisse scheut, um seinem Thema Bilder abzuringen. Dabei nimmt sein Wildheuerfilm das Tempo, den Rhythmus der Wildheuer auf, lässt sich Zeit und setzt damit ein Zeitdokument gegen den Zeitstrom. Erich Langjahr: »Im Film Das Erbe der Bergler erzähle ich die älteste Grasgeschichte aus den Bergen des Graslandes Schweiz«. Mit diesem Werk vollendet er quasi seine Bauerntrilogie – ein wenig wehmütig. Und wie bei Langjahr gewöhnt, verzichtet der Filmer auf direkte kritische Töne, Kommentare oder Statements. (Rolf Breiner)